Zweitägige Jubiläumsfeier der Freien Waldorfschule Rastatt e.V.

Bienenschutz, Digitalisierung und jede Menge Spaß

von Andrea Röthe

Mit einem rauschenden, zweitägigen Fest feierte die Freie Waldorfschule Rastatt an diesem Wochenende gleich zwei Jubiläen: 100 Jahre Waldorfschul-Bewegung und 21 Jahre Waldorfschule Rastatt. Die beiden wichtigen Jahrestage wurden mit interessanten Vorträgen, Konzerten, Workshops, Diskussionen und Festakten ausgiebig gewürdigt. Im Mittelpunkt standen bei der Veranstaltung der Bienenschutz und die Herausforderungen der digitalisierten Welt.

In warmes Sonnenlicht getaucht präsentierte sich das altehrwürdige Gebäude der Freien Waldorfschule am Samstagmorgen von seiner schönsten Seite, als die ersten Besucher sich in die benachbarte Reithalle begaben. Jutta Nagel, derzeitiges Vorstandsmitglied, und Susanne Jung, ehemalige Vorständin, begrüßten die zahlreichen Gäste zum Auftakt der zweitägigen Jubiläumsfeier. Zu feiern gab es zweierlei: Zum einen wurde vor 100 Jahren von Emil Molt, Besitzer der Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik in Stuttgart, und Rudolf Steiner die erste Waldorfschule aus der Taufe gehoben. Und zum Zweiten feierte die Waldorfschule Rastatt in diesem Jahr ihren 21. Geburtstag, ist also sozusagen endgültig erwachsen geworden.
Bei der Begrüßungsveranstaltung berichteten Gründungslehrer und -eltern von den spannenden Anfängen als Waldorf-Pioniere in Rastatt, Chor, Orchester und einzelne Klassen führten musikalische Highlights auf. Danach wurden die Gäste bei herrlichsten Spätsommerwetter zu einem zweitägigen Programm aus Workshops, Vorträgen, Aufführungen, Spiel und Spaß eingeladen, das sich als Schwerpunkte die beiden Themen Digitalisierung und Bienenschutz auf die Fahnen geschrieben hatte.
Beides seien wohl auch die wichtigsten Themen momentan, kommentierte dies Referent Prof. Dr. Rainer Patzlaff in seinem Vortrag zur Fragestellung, was Kinder kompetent mache für das digitale Zeitalter. Hier nannte er als wichtigsten Punkt das Stärken des Kindes in seiner seelischen und geistigen Gesundheit, um der Sogwirkung der digitalen Medien entgegenwirken zu können. Dies sei auch tatsächlich der Ansatz von Schulgründer Rudolf Steiner gewesen, der im Gegensatz zur allgemeinen Annahme nicht technikfeindlich gewesen sei. Im Gegenteil habe er es für sehr wichtig erachtet, sich mit der neuesten Technik auseinanderzusetzen – nur eben im richtigen Alter und ohne sich von ihr vereinnahmen zu lassen.
Auch der Historiker Prof. Dr. Tomas Zdrazil wies in seinem Vortrag über die Anfänge der Waldorfschule auf diesen Umstand hin. Er betonte außerdem, dass die Waldorfschulbewegung 1919 in einer Zeit des totalen gesellschaftlichen Umbruchs entstanden sei, der mit unseren heutigen Umwälzungen durchaus vergleichbar sei. Eines der Ziele Steiners sei es deshalb gewesen, das Bildungswesen aus der staatlichen Kontrolle herauszulösen und unabhängig von Ideologien und wirtschaftlichen Zwängen zu machen. Die Frage war für ihn immer gewesen, was das Kind brauche, und nicht, wie Kinder sein müssten, damit sie dem Staat nützlich seien. Er propagierte stets, vom Kind ausgehend zu denken. Nur so könnten sich freie und selbständig denkende Menschen entwickeln.
Wie wichtig genau dies im Hinblick auf die Digitalisierung ist und wie man Kinder für die modernen Medien und die aktuellen Herausforderungen mündig machen kann, wurde bei einem Seminar am selben Nachmittag erarbeitet. Auch eine Podiumsdiskussion am Sonntag mit Wissenschaftlern, Lehrern, ehemaligen Schülern und Eltern beschäftigte sich mit der Frage, wie die Schule der Zukunft und für die Zukunft aussehen solle.
Wie wichtig der Schutz der Bienen für die Menschheit ist, führte Gerhard Dittes vom BUND in seinen beiden Vorträgen aus. In Zusammenarbeit mit dem Umweltschützer ist der Schulgarten der Waldorfschule in vielen, vielen Stunden Arbeit verschiedener Klassen bienenfreundlich ausgestaltet worden, wie Gartenbau-Lehrerin Eva-Susanne Koch bei ihren Führungen durch das blühende, bunte Paradies hinter dem Schulhaus erläuterte. In zwei Workshops konnten die Besucher auch selbst Nisthilfen und Bienenweidekugeln sowie Honigkosmetik herstellen.
Genau dieses Arbeiten in und mit der Natur wie auch die Teilnahme an ausführlichen Theaterprojekten und künstlerisch-handwerklichen Aktivitäten gehören zu den Tätigkeiten, die Kinder seelisch, körperlich und geistig reifen lassen, um die Herausforderungen der digitalisierten, schnelllebigen Zeit bestehen zu können, wie die verschiedenen Referenten in ihren Vorträgen erläutert hatten. So konnten auch in Improvisations-Theaterkursen, Zirkus-Workshops oder Erzähltheater das große, künstlerische Angebot der Waldorfschule hautnah erlebt werden. Dass die „Waldis“ aber auch gern genießen und feiern, bewiesen zum einen das reichhaltige Genussangebot von indischen Spezialitäten, selbstgemachten Flammkuchen und Crêpes und vielem mehr und zum anderen der Party-Abschluss am Samstagabend mit dem Accoustic-Duo 2Cool und DJ Ruben im Bürgersaal der Reithalle. Am Sonntagabend spielte die ehemalige Schülerin Leona Berlin ein beeindruckendes Blues-Fusion-Konzert, bevor eine von der 12. Klasse errichtete Kettenreaktionsmaschine zum Abschluss den Jubiläumsschriftzug auf dem Schulhof zum Funkeln brachte. So fand eine gelungene Veranstaltung ihr krönendes Finale.