Theaterprojekt der 8. Klasse

Das Leben ist so wunderbar, dass keiner es versteht
„Unsere kleine Stadt“ von Thornton Wilder aufgeführt

Mit einer eigenständigen und durchdachten Inszenierung haben die Schülerinnen und Schüler der achten Klasse der Freien Waldorfschule Rastatt am Freitag und Samstag das epische Theaterstück „Unsere kleine Stadt“ auf die Bühne der Reithalle Rastatt gebracht und dafür viel Applaus geerntet. Die Schülerinnen und Schüler haben das Stück selbst ausgewählt, inszeniert und zusammen mit dem Regisseur Georg Veit aus Mannheim einstudiert. Auch für Kostüme und Bühnenbild waren sie mit verantwortlich.

Das Leben ist nie sinnlos, auch wenn es manchmal so scheint – das könnte die Quintessenz des diesjährigen Theaterprojekts der achten Klasse der Waldorfschule Rastatt gewesen sein. Die Schülerinnen und Schüler führten mit viel Engagement das erzählende Drama „Unsere kleine Stadt“ auf. Das Stück des amerikanischen Schriftstellers Thornton Wilder zeigt das alltägliche Leben einer fiktiven Kleinstadt in New Hampshire um 1900. Zwischen Banalität und Blindheit leben die Menschen vor sich hin und erst der Tod verändert den Blick auf das Leben und lässt die Protagonisten den Sinn ihres Daseins erkennen.
Typisch für das epische Theater, das auf Mitdenken statt Einfühlen setzt, führte ein Spielleiter (Mick Kruse und Jan Wohland) durch das Geschehen. Im Kontrast zu dessen ausführlicher Beschreibung aller Details der Kleinstadt und ihrer Bewohner setzte die achte Klasse auf ein spartanisches Bühnenbild und pantomimische Gesten, die Requisiten ersetzten. „Eintönig, gesittet, voll einfacher Freuden im Einklang mit der Natur, aber ohne kulturelle Vergnügen“, beschrieb der Spielleiter die Stadt mit ihren 3149 Einwohnern im ersten Akt, der mit „Alltag“ überschrieben war, und stellte auch gleich zu Anfang das Problem dar, mit dem sich das ganze Stück befasste: Die Schwierigkeit, das Leben zu verstehen, während man es lebt.

Dies zeigte sich im zweiten Akt zum Thema „Ehe und Liebe“. Hier betonte der Erzähler bei der Hochzeit von George und Emily unerbittlich die Beliebigkeit und Vergänglichkeit hinter der für die beiden jungen Beteiligten doch so aufregenden Einzigartigkeit des Ereignisses. Baldur Buchholz und Maj Binder stellten die Erschütterung und die Ängste von George und Emily vor ihrem großen Schritt eindrücklich dar. Dabei, so kommentierte der Erzähler sakastisch, ende doch auch diese Ehe in „Kindern, Rheumatismus und dem Totenbett“.

In diesem fand sich die junge Emily im dritten Akt über den Tod wieder. Auf dem Friedhof, von den Schülern geschickt durch die weiß geschminkten Darsteller anstelle von Grabsteinen symbolisiert, verblassen laut Erzähler alle im Leben wichtigen Dinge. Mutter, Tochter, Geizhals – das alles bedeute nichts mehrt. Dennoch: „Ist das Leben nicht furchtbar und wunderbar?“ so die Toten untereinander. Doch die junge Tote Emily fragt verzweifelt: „Wie soll ich das Leben vergessen?“ Und kehrt noch einmal für einen beliebigen Tag als Beobachterin zurück ins Leben. Verzweifelt stellt sie fest, dass ihre Lieben nichts ahnen von der Vergänglichkeit des Augenblicks. „All das ist gewesen und wir haben es nicht gemerkt“, sagt sie. „Welt du bist so wunderbar, dass keiner dich versteht.“ Und so beantwortet sich ihre Frage: „Kann man das Leben verstehen in jedem Augenblick?“ am Ende von selbst.
„Leben Sie bewusst jeden Augenblick“, gab Lehrer Denis Langen dem begeistert applaudierenden Publikum dann auch auf den Weg.

Bericht: Andrea Röthe