Sprache sprechen und verstehen

ein Vortrag über die Zukunft der Sprache im digitalen Zeitalter von Prof. Dr. Rainer Patzlaff

Auf Initiative der Freien Waldorfschule Karlsruhe und anlässlich des 100jährigen Waldorf-Jubiläums beteiligte sich unsere Schule zusammen mit dem Parzival-Zentrum Karlsruhe an der Organisation eines mehr als interessanten Vortragsabends mit Prof. Dr. Rainer Patzlaff. Selbst langjähriger Waldorflehrer, Dozent und Publizist, Gründer und Leiter des Instituts für Pädagogik, Sinnes- und Medienökologie (IPSUM) sowie Professor für Kindheitspädagogik, referierte Prof. Dr. Patzlaff kürzlich im Festsaal der Waldorfschule Karlsruhe in seinem ebenso kurzweiligen wie überaus interessanten Vortrag über die Zukunft der Sprache im digitalen Zeitalter.

Damit uns Sprache auch in Zukunft als Mittel der Verständigung und Willensäußerung zur Verfügung steht und wenn wir sichergestellt wissen wollen, dass das Gesagte so verstanden wird, wie es gemeint ist, sei die Emanzipation von der Sprache notwendig.

Der seit den Anfängen der Industrialisierung einsetzende Verfall der Sprache in ein elektrifizierbares Code-System habe zur Sinnentleerung der Worte geführt. Schon Rudolf Steiner hat zu Beginn des letzten Jahrhunderts von der „Weltherrschaft der Phrasen“ gesprochen, die nicht viel mehr als das Verderben zweier Weltkriege mit sich gebracht habe. Die einstige göttliche Kraft, die dem Wort innewohnt, sei mit der technischen „Aufspaltung“ der Sprache verlorengegangen bzw. bleibe unerkannt. Sprache wurde und wird zunehmend als Codierung von Strom betrachtet und angewandt. Der wahre Sinn der Worte aber verhalle unentdeckt. Wenn wir uns dessen nicht bewusst werden und entgegensteuern, stehe langfristig die zwischenmenschliche Verständigung und somit das Verständnis für mein Gegenüber in Frage.

Um später die nötige Reife zu erlangen, diesen emanzipatorischen Schritt gehen zu können, sei angeraten, schon beim Kleinkind, ja sogar beim Embryo den entsprechenden Nährboden anzulegen. Der hochkomplexe Erwerb der Sprache ergibt sich zum einen aus der unbewussten Verinnerlichung der gehörten Sprachmodulation sowie einer durch die körperliche Aktivität angeregte Synapsenbildung im Gehirn, die je verzweigter ausgebildet, ein umso differenzierteres Denk- und somit auch Sprachvermögen hervorbringe.

Die Waldorfpädagogik greift in vielfacher Art und Weise das musikalisch-rhythmische Element der Sprache auf und fördert die innige Verbindung zur Sprache. Sowohl die unbewusste Entwicklung wird genährt als auch die Anregung durch das Tun: So werden zum Beispiel Fremdsprachen ab der 1. Klasse für ein unbewusstes Eintauchen in fremde Sprachmelodien unterrichtet und Musizieren oder Stricken als effizientes Koordinationstraining, das sich im Gehirn wiederspiegelt, praktiziert. Nicht zu vergessen die Eurythmie, die als körperlicher Ausdruck der Sprachkraft ein wichtiges Element in der Förderung der geistig-seelischen Kräfte des Kindes darstellt. Auch die Kräfte der Musik sollten mehr Beachtung finden. Musik als verbindende Brücke zwischen Geist und Materie dient in besonderem Maße, die Seele auch ganz ohne Worte zu berühren. Was kann es da noch Besseres als Singen für uns und unsere Kinder geben?

Prof. Dr. Patzlaff streifte viele Themenfelder, die jedes für sich genauer zu entdecken lohnen würde. Der rote Faden durch alle Gebiete lautete jedoch: Gehen Sie bewusst mit sich und Ihrer Sprache um!