Neujahrsempfang 2019

Das neue Jahr begann an der Waldorfschule Rastatt mit dem Vortrag von Jean-Claude Lin, Herausgeber und Chefredakteur von „a tempo“, der sich des Themas „Polarisierung – Nationalisierung – Auseinanderdriften der Gesellschaft“ annahm. Es war erstaunlich, wie viele sich an einem Freitagabend von der Schwere des Themas nicht haben schrecken lassen und den Eurythmiesaal der Schule füllten. Wie zur Belohnung der Mutigen war der Abend alles andere als schwer, im Gegenteil. Herr Lin erzählte kurzweilig und amüsant aus seiner eigenen Biografie, die eine Menge „multi-kulti“ aufzuweisen hat und ausgesprochen aktuell zu den Gegebenheiten unserer heutigen Gesellschaftsvielfalt passt. Über viele kleine Anekdoten führte er sein Publikum fast unmerklich zu der entscheidenden Frage des Abends: Was kann die Waldorfbewegung den Tendenzen zu Polarität, Nationalität und Auseinanderdriften der Gesellschaft entgegensetzen? Die Antwort von Herrn Lin klang gar nicht kompliziert und anstrengend: Die Schulform sei entscheidend, in der alle SchülerInnen gemeinsam 12 Schuljahre miteinander und aneinander lernen können, egal welchen Abschluss die jungen Menschen am Ende machen werden. Es entstehen Freundschaften und ein weiter, offener Blick, der für das ganze weitere Leben prägend sein wird und dem Auseinanderdriften der Gesellschaft aufgrund erlebter Erfahrung zutiefst widerspricht. Genauso sei auch der frühe Fremdsprachenunterricht ab der ersten Klasse in 2 Sprachen dazu geeignet, in den Heranwachsenden ein freundschaftliches weltoffenes Interesse für das Andersartige und den Anderen zu wecken. Herr Lin nennt die Waldorfpädagogik einen Exportschlager Deutschlands, was den meisten Deutschen nicht einmal bewusst sei. In der ganzen Welt werde das Konzept interessiert aufgenommen und umgesetzt, nicht nur in relativ weltoffenen Demokratien wie bei uns.

Zu hoffen ist, dass sich auch in Deutschland der Exportschlager herumspricht und die Waldorfbewegung ihrem Ideal, vom Kind aus zu denken und zu handeln, treu bleibt. Dazu würde gehören, und Herr Lin appellierte an die Waldorfschulen, von dem Konzept einer gemeinsamen Schulzeit aller Kinder bis zur 12 Klasse nicht abzuweichen, auch wenn die Angst vor „Leistungseinbußen“ dieses Konzept immer wieder infrage stellen sollte. Dass SchülerInnen an unserer Schule trotz (oder gerade wegen?) der Heterogenität der Klassen auch die hohen Abschlüsse ohne weiteres gelingen und sie darin von einer engagierten Lehrerschaft unterstützt werden, haben die vergangenen Abschlussjahrgänge bereits unter Beweis gestellt.