„Jedes Kind ein* Könner*!“

„Moin“ – mit dieser ebenso formlosen wie erfrischenden Begrüßung eröffnete Henning Kullak-Ublick seinen Vortrag darüber, welche Fähigkeiten junge Menschen heute benötigen, um in unserer globalisierten Welt bestehen zu können und gleichzeitig ihr „Menschsein“ dabei nicht zu verlieren. Diese Veranstaltung, die für alle Oberstufenschüler sowie interessierte Eltern offen stand, verdankten wir der Initiative des Fördervereins unserer Waldorfschule, der Hennig Kullak-Ublick schon lange im Voraus für den 17. Oktober 2019 eingeladen hatte.

Zur Überschrift seines Vortrags erklärte Kullak-Ublick, dass er den Titel seines gleichnamigen Buches übernommen habe, ohne die heute übliche gendergerechte Formulierung einzubauen, die zur damaligen Zeit noch nicht zum Ausdruck gebraucht wurde. Natürlich gelten seine Überlegungen Mädchen wie Jungen gleichermaßen. Grundsätzlich gelte auch, dass gerade auf die Welt gekommene Kinder zunächst einmal gar nichts können. Sie müssen in vollem Umfang umsorgt werden. Das Kind fühle sich ganz Eins mit seiner Umgebung und ahme den bescheidenen Möglichkeiten entsprechend nach. Erst nach ca. einem Jahr stelle sich in der Regel der erste große Emanzipationsschritt ein, wenn sich das Kind aufrichtet und Laufen lernt. Ein erster Schritt in die Freiheit, denn Hände und Kopf werden frei in ihren Bewegungs- und Einsatzmöglichkeiten.

Der zweite bedeutungsschwere Punkt in der Entwicklung des Kindes sei das Erlernen der Sprache. Sprechen und Zuhören seien die fundamentalen Fähigkeiten, die uns in Austausch mit unserer Umgebung bringen. Beides, Laufen wie Sprechen, erlernt der Mensch aber nur durch Beobachten und Nachahmen seiner Mitmenschen. Von Anfang an könne sich Individualität nur durch in Beziehung mit der Welt treten entwickeln.

Hat sich der junge Mensch nun im Laufe seines Heranwachsens bereits ein gewisses Maß an Individualität „erlebt“, „erlernt“ oder auch entwickelt , stellt sich dennoch immer wieder die Frage, was damit anfangen. Wir finden uns heute in einer Gesellschaft wieder, die vom in der Französischen Revolution geprägten Geist der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit beseelt ist. Als gleichberechtigt Suchende müsse jeder für sich den Weg suchen, wie vernünftig mit der Zeit, die uns hier und jetzt zur Verfügung steht, umzugehen sei. Im steten Austausch mit unserer Umwelt könnten wir uns auch nicht den aktuell vorherrschenden, gesellschaftlich propagierten Menschenbildern entziehen, die unser Handeln zu beeinflussen versuchten. Kullak-Ublick fasste drei gängige Vorstellungen des Menschseins zusammen:

Alle drei Bilder zeichnen sich deutlich in unserer Lebenswelt als Realität ab. Die Ideen vom Menschen als Computer finden heute in Forschung und Entwicklung, die unter dem Begriff Transhumanismus zusammengefasst werden, Ausdruck. Alles Menschliche wird optimierbar, da programmierbar. Die auf der Evolutionstheorie beruhende Genetik setzt auf die Optimierung der Menschheit durch Auslese – auch oder gerade durch menschliches Zutun. Das dritte Menschenbild findet sich u.a. im Behaviorismus, einem Zweig der Verhaltensforschung, wieder. Das Biest oder Tier im Menschen wird durch Strafe und Belohnung so im Zaum gehalten, dass ein moralisch „gesellschaftsfähiges“ Wesen entsteht.

Kullak-Ublick verwies darauf, dass mit diesen Bildern das Menschsein allerdings unzutreffend dargestellt würde. Vielmehr müsse der Mensch seine Individualität durch den wachen Austausch mit seiner Umgebung immer weiter entwickeln. Erst durch das gedankliche Verbinden mit der Welt könne freie Erkenntnis entstehen, die nicht von anderen Autoritäten abhängig sei. Vom Grundsatz der Gleichberechtigung aller Menschen, ja sogar aller Lebewesen, ausgehend und die Toleranz der Verschiedenheit übend könne das Bewusstsein dafür, was zu tun ist, erwachsen und Ideen zum Handeln entstehen. Sein Aufruf an die Schülerinnen und Schüler und alle Zuhörer* lautete, in Beziehung mit der Welt zu gehen, selbst zu denken und die Freiheit zu nutzen, sich für Sinnvolles einzusetzen: „Lasst uns Privilegien nutzen, etwas Gescheites zu tun!“ Alles Notwendige dafür liege in jedem Menschen bereit.