Bühnenreifes

Hier finden Sie Hintergründe und Wissenswertes rund um die verschiedenen Theaterprojekte an unserer Schule:

Mittsommerspiel

An einigen Waldorfschulen bereits Tradition, wurde das „Mittsommerspiel“ an unserer Schule erstmals im Juli 2011 aufgeführt und damit als fester jährlicher Programmpunkt in unseren Veranstaltungskalender aufgenommen: Das Theaterstück von Marguerite Lobeck-Kürsteiner, einer Waldorflehrerin, entstand ursprünglich im Jahr 1927 an der Rudolf-Steiner-Schule Zürich. Es spielt zur Mittagszeit des Johannitages, der Mittsommerwende. Ein kleines Mädchen stellt ihren Eltern intensive Fragen zum Naturgeschehen. Der Vater, nach der rechten Antwort suchend, beginnt zu sinnieren und schläft ein. Im Traum erlebt er die hinter der äußeren Natur stehenden Kräfte. Er sieht, wie Pan, der „Vater“, die verschiedenen Naturwesen zu sich ruft und sich berichten lässt, was sie durch das Jahr für Natur und Mensch vollbracht haben.

Die SchülerInnen der 4. und 5. Klasse schlüpfen in die Rollen der Mücken, Unken, Faune, Sylphen und Nymphen, Zwerge, Feuergeister und natürlich des Pan. Die Einstudierung übernehmen die Klassenlehrer. Bühnenbild und Kostüme stammen von Elternhand. Ein kleines Orchester, zumeist ebenfalls Eltern, umrahmt die fröhlichen Tänze und Lieder mit der eigens für dieses Theaterstück von Ulrich Stoller komponierten Musik.

8.-Klassspiel

Im Frühsommer eines jeden Jahres führt die jeweilige achte Klasse ein Theaterstück auf, das zuvor von den SchülerInnen gemeinsam mit ihrem Klassenlehrer ausgewählt und über einen mehrwöchigen Zeitraum einstudiert wurde. Für die Übernahme der Rollen müssen die Jugendlichen einen in vielerlei Hinsicht herausfordernden Lernprozess durchleben. Die eigenen Vorlieben, Befindlichkeiten und Abneigungen müssen in den Hintergrund treten und die Rolle zur Leitlinie des eigenen Handelns werden. Am Ende dieses Prozesses erreichen die Aufführungen oft die Herzen der Zuschauer. Damit bekommt das Klassenspiel, welches ein fester Bestandteil im Lehrplan der Waldorfschule ist, etwas Einmaliges.

12.-Klassspiel

Gleich zu Beginn eines neuen Schuljahres präsentiert die neue 12. Klasse ihr Klassenspiel. Mit der Stückauswahl und dem Einstudieren der Rollen wird bereits Mitte der 11. Klasse begonnen. Neben den schauspielerischen Aufgaben müssen auch alle anderen Herausforderungen, die zum Gelingen des Stückes notwendig sind, von Schülerseite bewältigt werden. So kann aus dem Darsteller einer kleineren Rolle auf der Bühne der Hauptverantwortliche für die Bühnenbeleuchtung werden. Bühnenbild, Maske und auch die Rolle der Souffleurs/Souffleuse müssen mit Kompetenz gefüllt werden. Diese eigenverantworliche Arbeit steht bewusst vor den Abschlüssen der 12. Klasse. Die gemeinschaftliche Erfahrung unterstützt die notwendige Vorbereitung auf die anstehenden Prüfungen und den Übergang in den neuen Lebensabschnitt.

Christgeburtsspiel

„Ir liabn meini singa samlet eng zsam
Gleiwia die krapfen in der pfann.
Ir liabn meini singa trets zsam in a scheibn,
Ma wölln uns die weil mit singa vertreibn.“

So tönt es in vielen Waldorfschulen in der Weihnachtszeit, wenn die Lehrer das Oberuferer Christgeburtsspiel für Schüler und Eltern aufführen. Wer die Spiele nicht von klein auf aus seiner Schulzeit kennt, sondern sie erst in späteren Jahren oder als Erwachsener kennenlernt, mag befremdet sein. Der Text wird in einer bei uns nicht üblichen Mundart gesprochen; Handlung und Bühnenbild erzählen extrem einfach gehalten die biblische Weihnachtsgeschichte. Darin ist eine lustig-derbe Hirtenszene eingebettet. Die Gruppe der Mitspieler, auch Kumpanei genannt, zieht immer wieder Lieder singend durch den Raum und das Spiel beginnt mit einer nicht enden wollenden Begrüßung durch den Sternsinger. Warum führen wir also gerade dieses Christgeburtsspiel auf?

Zunächst können wir etwas zur Herkunft der Spiele sagen. Rudolf Steiner hatte einen väterlichen Freund und Lehrer in Wien, Karl Julius Schröer. Dieser hat die Mundarten der Deutschen untersucht, die in Enklaven im Bergland Nordungarns und der Slowakei lebten. Und dort hat Schröer auch die Oberuferer Weihnachtsspiele gefunden, die er 1862 in Wien herrausgegeben hat. Das erklärt den uns fremden Dialekt.

In der Einleitung zu den Spielen erzählt Schröer, wie man sich die Lebensumstände der Bauern in Oberufer vorstellen muss: „In der Nähe von Pressburg (heute Bratislava), eine halbe Stunde Weg zu fahren, liegt auf einer Vorinsel zur Insel Schütt das Dörfchen Oberufer, dessen Grundherrschaft die Familie Palfy ist. Die katholische sowohl wie die protestantische Gemeinde daselbst gehören als Filialen zu Pressburg und haben ihren Gottesdienst in der Stadt. Ein Dorfschulmeister für beide Gemeinden ist zugleich Notär, und so sind denn in einer Person alle Honoratioren des Ortes vereinigt. Er ist den Spielen feind und verachtet sie, so dass dieselben bis auf unsere Tage unbeachtet und völlig isoliert von aller „Intelligenz“ von Bauern ausgingen und für Bauern ausgeführt wurden. Die Religion macht dabei keinen Unterschied, Katholiken und Protestanten nehmen gleichen Anteil bei der Darstellung sowohl als auch auf den Zuschauerplätzen. Es gehören die Spieler jedoch demselben Stamme an, der unter dem Namen der Haidbauern bekannt ist, im 16. oder zu Anfang des 17. Jahrhunderts aus der Gegend am Bodensee eingewandert sein soll …..“.

Aufgeführt wurden die Spiele also nicht in einer Kirche, sondern im Wirtshaus. Vielleicht hat Schröer gerade dadurch erlebt, dass die Spiele in echter, ehrlicher Frömmigkeit gespielt wurden und eine herzliche Weihnachtstimmung erzeugt haben, die etwas von der tiefen Bedeutung erahnen lassen, die das Weihnachtsfest für die Menschheit hat. Dass dabei auch handfeste Heiterkeit nicht zu kurz kommt, unterstreicht nach Steiners Ansicht die gemütshafte Frömmigkeit der Bauern: „Es tat zum Beispiel der frommen Liebe, in der das Herz an das Jesuskind hingegeben war, keinen Eintrag, wenn neben der wunderbar gezeichneten Maria ein etwas tölpischer Josef hingestellt wurde oder wenn der innig charakterisierten Opferung der Hirten eine derbe Unterhaltung derselben mit drolligen Späßen voranging.“

So sollen die Spiele auch an der Waldorfschule durch ihre Einfachheit dazu beitragen, etwas sehr tief in uns liegendes anzusprechen und etwas von dieser ganz einfachen hingebungsvollen Frömmigkeit der Haidbauern in uns zu wecken, damit wir das Geschehen des Weihnachtsfestes erahnen oder ergreifen können.

Zitate aus Weihnachtspiele aus altem Volkstum, Die Oberuferer Spiele,
Rudolf Steiner Verlag, 1990